«Microaggression» löst bei US-Professoren Angst aus

Bild: Scott Strazzante / Polaris / Laif
Amerikanische Studierende scheuen zunehmend die Konfrontation mit anderen Meinungen: 2016 wurde eine Rekordzahl von gestörten oder abgesagten Vorträgen verzeichnet. Ist die freie Lehre bedroht?
Als ich unlängst einen guten Freund nach längerer Zeit wieder traf und Anstalten zum üblichen Begrüssungsritual machte, scheute er unwillkürlich zurück. Der Grund für diese irritierende Reaktion ging mir erst im Laufe unseres Gespräches auf. Der Freund, langjähriger Literaturprofessor an einer renommierten amerikanischen Universität, war ein Jahr lang durch die Hölle gegangen. Er hatte gegenüber einer Studentin scherzhaft die nackten Brüste der Steinzeitfrauen am Lagerfeuer erwähnt. Kurze Zeit später ging eine Beschwerde bei der Universitätsleitung ein; Stichwort: «sexual harassment» und sexistische Degradierung von Frauen.
Als der Professor nach einer aufwendigen Prüfung durch eine unabhängige Kommission – und mehreren Stunden «Sensibilitätstraining» – in allen Punkten freigesprochen worden war, verklagte die vermeintlich Geschädigte die Uni auf eine Million Dollar – wegen Vereitelung eines gerechten Verfahrens. Die Sache wurde aussergerichtlich beigelegt und dem Professor Stillschweigen auferlegt. Doch die Geschichte ist signifikant für einen atmosphärischen Wandel an amerikanischen Unis, der einen rigiden Regelkatalog für alle Lebenslagen nach sich zieht. Der Grund für das Zurückzucken meines Freundes: Ein Wangenkuss auf dem Uni-Gelände geht durch, zwei sind tabu. […]
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